Deutsche KI-Suche folgt eigenen Regeln. Wer mit amerikanischen Zahlen plant, plant falsch.
Eine Auswertung von 3,95 Millionen deutschen Zitaten aus sieben KI-Suchsystemen zeigt: Fast zwei Drittel führen auf Adressen mit deutschem Signal, Verbände und Testportale zählen mehr als Reddit, und die Engines unterscheiden sich um 17,5 Prozentpunkte. Die meisten Ratschläge zur KI-Sichtbarkeit stammen aus dem amerikanischen Markt.
Fast alles, was über Sichtbarkeit in ChatGPT, Perplexity oder Googles AI Mode geschrieben wird, beruht auf englischen Anfragen und amerikanischen Daten. Reddit sei die wichtigste Quelle, heißt es dann, Forbes und große Vergleichsportale bestimmten die Antworten. Für einen Händler in Freiburg oder einen Hersteller in Ostwestfalen ist die Frage, ob das auch für seine Kunden gilt.
Otterly hat dazu die bisher größte Auswertung für Deutschland vorgelegt. 44 Tage lang, vom 16. August bis 28. September 2026, wurden kaufnahe Fragen aus 16 Branchen in sieben Systemen gestellt: ChatGPT, Google AI Overviews, Google AI Mode, Gemini, Perplexity, Microsoft Copilot und Claude. Ausgewertet wurden 3,95 Millionen deutsche Zitate, als Vergleich dienten 3,73 Millionen amerikanische. Gezählt wurde auf Ebene der einzelnen Adresse, nicht der Domain.
Fast zwei Drittel der Zitate tragen ein deutsches Signal
64,9 Prozent der deutschen Zitate führen auf eine Adresse, die erkennbar deutsch ist. Der größte Teil davon, 51,1 Prozent, liegt auf Länderdomains wie .de, .at oder .ch. Weitere 11,9 Prozent liegen auf internationalen Domains mit einem deutschen Pfad wie /de/, 1,9 Prozent auf einer deutschen Subdomain.
Länderdomains kommen damit 3,7 Mal so oft vor wie lokalisierte Pfade internationaler Seiten. Wer als internationales Unternehmen nur eine englische Seite mit Übersetzungsfunktion betreibt, konkurriert um das verbleibende Drittel.
Verbände statt Reddit
Bei der Art der Quellen liegen Deutschland und die USA zunächst nah beieinander. Unternehmenseigene Seiten stellen in beiden Märkten die größte Gruppe, 57,2 Prozent in Deutschland, 56,3 Prozent in den USA. Die Unterschiede liegen in den kleineren Gruppen, und dort sind sie deutlich.
Quellenart | Deutschland | USA |
|---|---|---|
Unternehmensseiten | 57,2 % | 56,3 % |
Nachrichten und Medien | 14,9 % | 16,4 % |
Verbände und Organisationen | 8,9 % | 5,3 % |
Bildung | 3,8 % | 2,8 % |
YouTube | 1,99 % | 1,75 % |
Foren und Communitys | 1,5 % | 2,8 % |
0,60 % | 1,79 % |
Reddit spielt in Deutschland kaum eine Rolle. Was in den USA Reddit leistet, die unabhängige Stimme neben dem Hersteller, übernehmen hier Institutionen: die Verbraucherzentrale mit 3,6 Prozent der Verbandszitate, der ADAC mit 2,8 Prozent, dazu Branchenverbände, die KfW und das IHK-Netz. Bei den Medien führen nicht Wirtschaftstitel, sondern Ratgeber und Testportale: Finanztip, Chip, Handelsblatt und test.de.
Neun der vierzehn meistzitierten Domains in Deutschland haben im amerikanischen Datensatz keinen messbaren Anteil. Eine Strategie, die auf die amerikanischen Top-Quellen zielt, verfehlt den deutschen Markt also nicht knapp, sondern vollständig.
Die Branche entscheidet, wie lokal die Antwort ist
Wie stark lokale Quellen dominieren, hängt von der Branche ab.
Branche | Anteil lokaler Zitate |
|---|---|
Gesundheit | 73 % |
Finanzen und Versicherung | 69 % |
Handel und E-Commerce | 66 % |
Konsumgüter | 66 % |
Transport | 39 % |
Gastgewerbe | 39 % |
Industrie und Fertigung | 37 % |
Bildungsplattformen | 31 % |
Wo Recht, Geld und Gesundheit im Spiel sind, greifen die Systeme auf deutsche Quellen zurück. In der Industrie, im Transport und im Gastgewerbe zitieren sie zu fast zwei Dritteln internationale Seiten ohne deutsches Signal. Für einen deutschen Maschinenbauer heißt das: Sein Wettbewerb um die Antwort findet auch auf Englisch statt.
Jede Engine gewichtet anders
Zwischen den Systemen liegen 17,5 Prozentpunkte. Perplexity zitiert zu 75,2 Prozent Adressen mit deutschem Signal, Claude zu 57,7 Prozent. Auch die Streuung unterscheidet sich: Google AI Mode braucht in Deutschland 588 Domains, um die Hälfte aller Zitate abzudecken, in den USA 301. Der deutsche Markt ist breiter verteilt, die lange Liste kleinerer Quellen ist hier wichtiger.
Wer seine Sichtbarkeit nur in einem System misst, misst damit eine von sieben Wahrheiten.
Was die Studie nicht sagt
Otterly hat ausschließlich kaufnahe kommerzielle Fragen ausgewertet. Für Informationsfragen kann das Bild anders aussehen. Die Zuordnung zum deutschen Signal erkennt nur ganze Pfadsegmente, 97,4 Prozent der Länderdomains sind .de, Österreich und die Schweiz sind also kaum vertreten. Die amerikanischen Zahlen sind als Vergleich gedacht, nicht als Maßstab. Und die Studie stammt von einem Anbieter, der selbst Werkzeuge zur Messung verkauft.
Als Richtung ist sie trotzdem belastbar, weil sie an einer Stelle misst, an der bisher fast nur amerikanische Annahmen standen.
Was daraus folgt
Für deutsche Unternehmen und für internationale Marken, die in Deutschland verkaufen, ergeben sich vier Punkte.
Erstens: Die .de-Domain ist ein Vorteil, und er wird verschenkt, wenn dort nur eine Visitenkarte steht. Kaufnahe Fragen brauchen Seiten, die sie beantworten, auf Deutsch und in der Tiefe, die der deutsche Markt offenbar belohnt.
Zweitens: Wer international aufgestellt ist, sollte zuerst einen echten deutschen Pfad aufbauen, bevor er über eine zusätzliche Domain nachdenkt. Lokalisiert werden muss die Adresse, nicht nur der Text auf der Seite.
Drittens: Sichtbarkeit bei Verbänden und Testportalen ist in Deutschland das, was in den USA eine Diskussion auf Reddit ist. Ein Testergebnis, eine Mitgliedschaft, ein Eintrag in einem Verbandsverzeichnis sind keine Nebensache, sondern Quellen, die die Systeme bevorzugt heranziehen.
Viertens: Messen muss man pro Markt, pro Sprache und pro System. Eine globale Kennzahl über alle Engines mittelt genau die Unterschiede weg, auf die es ankommt. Wer Prompts beobachtet, sollte deutsche und englische Fragen getrennt führen und jedes System einzeln ausweisen.
Stand: 15. Oktober 2026. Quelle: Otterly, German AI Search Index 2026, veröffentlicht am 5. Oktober 2026, Erhebungszeitraum 16. August bis 28. September 2026.
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